
„Hilfreich ist die Vorstellung, der Vorgesetzte habe keine Kleider an.“, so der Text auf dem Cover von „Der neue Chef“ von Niklas Luhmann (1927 bis 1998) und Jürgen Kaube (Hrsg.), das soeben im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Naja, dachte ich mir, als ich das Buch in den Händen hielt, die Oma hat es schon in meiner Kindheit so ähnlich formuliert („Junge, stell dir die „Wichtigen dieser Welt“ in langen Unterhosen vor. Die sehen genauso bescheuert aus wie alle anderen.“).
Insofern war ich gespannt, was mir hier inhaltlich geboten werden würde. Die Bedeutung dessen, was Luhmann, der ja bereits 1998 verstarb, hier auf etwas über einhundert Seiten abgeliefert hat, ist gerade heute von immanenter Bedeutung.
Zunächst versteht es Niklas Luhmann vortrefflich darzustellen, auf welche Weise die klassische Organisationswirtschaft die emotionale Komponente in der Beziehung zwischen Vorgesetztem und Untergebenen verkennt und ignoriert. Als grundsätzliches Versagen der Organisationswirt- und Wissenschaft würde ich das jetzt nicht bezeichnen, gleichwohl schafft es Luhmann, die heute immer wichtigere informale Ordnung von Unternehmen und deren Bedeutung für „den neuen Chef“ herauszuarbeiten. Man könnte auch von Management by Emotion sprechen. Er unterscheidet hier noch den internen und den externen „neuen Chef“. Dabei sieht sich der externe „neue Chef“ vor eine deutlich größere Herausforderung gestellt. Durch die in jedem Unternehmen vorhandenen informalen Strukturen (kurz Cliquen und Gruppen, die das Ziel haben gemeinsame Interessen innerhalb einer Unternehmung durchzusetzen, unter Umgehung formaler Regeln und Kontrollinstanzen – die sogenannten „Spin-Doktoren“ einer Unternehmung), kann es zu seiner kommunikativen Isolierung kommen, insbesondere, wenn der Vorgänger unter Umständen an anderer Position noch im Unternehmen ist. Sofern es dem „neuen Chef“ hier nicht durch geeignete Maßnahmen, monetärer oder emotionaler Art, gelingt auch akzeptierter Chef der informellen Organisation zu werden (was nach Luhmann nicht zwangsläufig mit dem Einnehmen der Position einhergeht), kann dieses zu einem grandiosen Scheitern führen.
Für mich gibt es dazu herausragende Beispiele:
Zum Einen scheiterte der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler („der neue Chef“ als Kontrastprogramm, in diesem Fall ein „Nicht-Politiker“ gegen Politiker), nicht etwa an seiner mangelnden Qualifikation, sondern an den informellen internen und externen Netzwerken der Bundeshauptstadt. Gleiches gilt für die Kurie im Vatikan. Erst Papst Franziskus scheint es, zumindest in Teilen, zu gelingen, das Netzwerk der Kurie aufzubrechen, während seine Vorgänger mehr oder weniger Marionetten gleichzusetzen waren.
Insofern liefert gerade der Vatikan ein gutes Beispiel dafür, wie Untergebene in der von Luhmann geschilderten Art und Weise ihre Vorgesetzten zu lenken vermögen, da ihnen die Komplexität der jeweiligen Entscheidungslage deutlich bekannter ist, als dem „neuen Chef“ und trifft hier den Kern, wenn er die Auffassung vertritt, dass der, der seine Vorgesetzten zu lenken vermag später Vorgesetzter wird.
Fazit: Niklas Luhmann’s „Der neue Chef“ ist weit mehr, als die Vorstellungskraft „vom Vorgesetzten ohne Kleider“. Die Lektüre sei insbesondere den mehrheitlich juristisch besetzten Personalabteilungen empfohlen, die auch heute noch Stellen allein auf Basis klassischer Annahmen der Organisationswirtschaft treffen und informale Komponenten ausser Acht lassen. Dies kann, wie Luhmann richtig feststellt, bei mittelständischen Unternehmen bis zur Unternehmensgefährdung führen.