
Wer hätte nicht schon einmal daran gedacht, noch einmal von vorne anzufangen. Den etablierten Job an den Nagel zu hängen und dem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben? Das was sich die meisten nicht trauen setzt die Protagonistin, Claire Flannery, gnadenlos … sagen wir einmal planlos … um.
Bereits das Buchcover des witzigen und frechen Erstlingswerkes von Lisa Owens, erschienen im Piper Verlag, unterstreicht die Verwirrung in Claires Gemütszustand, die ihren Job in dem Bewusstsein gekündigt hat, dass eine neue Lebensperspektive, bei vollständiger Ahnungslosigkeit im Hinblick auf die Perspektive, her muss.
“Abwesenheitsnotiz” stellt hervorragend die Beobachtungsgabe von Claire für ihre Umwelt heraus und beschreibt dabei wundervoll, wie wenig von dieser Beobachtungsgabe sie auf sich selbst anwenden kann. Die mangelhafte Selbstreflexion von Claire ist ein exzellenter Spiegel für die meisten von uns.
Lisa Owens beschreibt vortrefflich die verschiedenen Konfliktpunkte in Claires Leben. Da ist zum einen die Beziehung zu ihrem Freund, von dem sie sich nicht ernst genommen und teilweise schulmeisterlich, von oben herab, behandelt fühlt. Eine Beziehung, die größtenteils daraus besteht, das wesentliche Themen antizipiert, aber nicht besprochen werden. Auf der anderen Seite steht die Familie von Claire, die mit dem Freiheitsdrang von Enkelin und Tochter nichts anzufangen weiß. Später im Buch wird deutlich, dass Claire hier ebenfalls als Spiegel “verpasster Chancen” für die Oldie Fraktion fungiert, denn auch Eltern und Großeltern hatten irgendwann in ihrem Leben die Chance auf einen Wendepunkt oder Neuanfang, der dann nicht genutzt oder umgesetzt wurde. Und dann gibt es ja noch Claires naserümpfenden Freundes- und Bekanntenkreis, der sich nahezu vollständig rekrutiert aus Menschen, die sich ausschließlich über ihre Arbeit und ihren Wohlstand definieren.
Insgesamt schafft es Lisa Owens mit “Abwesenheitsnotiz” und der “korpulenten und arbeitslosen” (Zitat) Protagonistin Claire, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft zu schaffen, die geprägt durch die Geschwindigkeit von (sozialen) Netzwerken, Postings, SMS und angepasster Selbstoptimierung dabei ist Wesentliches aufzugeben: Die eigene Meinung und Mut zu Entscheidungen.


